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Sex and Crime Krimi aus dem Möbelmachermilieu von Dr. Barbara Steinbauer-Grötsch

Dr. Barbara Steinbauer-Grötsch lebt in Holland und betreibt den Foodblog www.eintopfheimat.de/blog/

Die Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten sind rein zufällig und meist beabsichtigt. Alle Angaben sind ganz ohne Gewehr.

Wenn Sie rechts oben auf "Druckansicht" klicken, können sie den Krimi auch ganz einfach ausdrucken.



Mordsmöbel - der Krimi aus dem Möbelmackermilieu

"Du meinst, die Leiche ist im Zerhacker?"

"Du bist doch eine Frau, du kennst dich mit so was aus." Hans G., der Vorsitzende des Bauausschusses blickte Cathrin hoffnungsvoll an. Die Kommissarin starrte auf die Farbproben. Vier dünne Striche in Altrosa, Grau, Flieder und einem undefinierbarem Ocker zogen sich über die gekalkte Wand der kommunalen Leichenhalle. Flieder dachte sie bei sich. Flieder strahlt Pietät aus, ohne trist zu wirken. Sie wurde in ihren Gedanken unterbrochen, als das Handy in ihrer Jackentasche vibrierte.

"Ach du grüne Neune", entfuhr es Cathrin, als ihr herwig D. die Hiobsbotschaft durchgegeben hatte.

"Grün? Aber Grün steht doch gar nicht zur Debatte," erwiderte Hans irritiert.

"Ich muß weg", sagte Cathrin und packte hastig ihre Handtasche.

"Aber du kannst mich doch jetzt nicht hängenlassen."

"Tut mir leid Hans!"

"Und was sag ich dem Bauausschuß? Der Beschluß kann nicht länger warten."

Hans G. starrte noch lange, nachdem Cathrin gegangen war, auf die vier Farbproben. Grün? Warum eigentlich nicht. Grün war die Farbe der Hoffnung und was brauchten die Angehörigen eines Toten mehr als Hoffnung, in der schweren Zeit der Trauer. Frauen hatte einfach die bessere Intuition, was solche Dinge betraf. Zufrieden verließ er die Leichenhalle und beschloß beim Wirt um die Ecke eine Halbe auf diese gelungene Entscheidung zu trinken.

"Wo hast du die Leiche entdeckt?" Cathrins Stimme war von nüchterner Routine.

"Hier hinten! Komm, ich zeig´s dir."

herwig D. führte sie in die Fertigungshalle der Möbelmanufaktur, die er zusammen mit seinem Kompagnon Gunter M. betrieb. Cathrin kannte den Betrieb. Vor einem halben Jahr hatte sie sich hier eine kleine, aber feine Küche aus heimischer Buche bauen lassen. Die Anschaffung riß ein tiefes Loch in ihre Ersparnisse, aber herwig versicherte ihr glaubhaft, daß sich die Küche schnell amortisieren werde. Statt in freudlosen Gaststätten ihr Geld für schlechtes Essen zu verplämpern, werde sie nun jeden Abend preiswerte aber leckere Gerichte zubereiten. Cathrin hoffte jedesmal, wenn sie ihre Küche betrat, daß sich dieses Versprechen auf wunderbare Weise bewahrheiten würde, aber bislang war sie über das Aufwärmen von Päckchensuppen noch nicht hinaus gekommen.

Cathrin informierte die Kollegen von der Spurensicherung und den Staatsanwalt per Handy, während sie herwig D. folgte. Schließlich blieb er vor einer mannshohen Maschine stehen. Sie bestand aus einem rechteckigen Trichter, der unten in ein Motorgehäuse mündete.

"Was ist das?", fragte Cathrin.

"Ein Zerhacker. Eines unserer Lehrmädchen wollte die Maschine starten, um das Restholz zu entsorgen, da haben wir sie entdeckt."

"Du meinst, die Leiche liegt da drin?

herwig nickte. "Das heißt, das was von ihr übrig ist."

Cathrin faßte sich ein Herz und stieg auf den Metallsockel. Das Innere des Trichters war halb mit Holzresten gefüllt, aus denen zwei bleiche Arme und ein Frauenkopf herausragten. Am Ringfinger der linken Hand steckte ein funkelnder Brillantring.

"Wo ist der Rest?" fragte Cathrin mit erstickter Stimme.

herwig D. deutete auf einen Sack.

"Aber viel wirst du damit nicht mehr anfangen können. Er öffnete den Sack, der mit blutgetränkten Sägespähnen gefüllt war.

Cathrin wurde übel. Sie hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Wirklich, es war höchste Zeit, die neue Küche endlich einzuweihen.

"Du siehst blaß aus. Wie wär´s mit einem Cappuccino?"

Cathrin konnte gerade noch abwinken, bevor sie sich über einem Stapel frisch gesägter Nußbaumbretter übergab.

"Bist du dir auch ganz sicher" Cathrin saß in der Gemeinschaftsküche der Möbelmacher und beugte sich über ihren Notizblock. herwig D. stellte ein Glas Wasser auf den Tisch und nickte.

"Ganz sicher. Ich sehe mir meine Kunden genau an. Die Frau war vor ein paar Wochen mit einem Mann hier. Die beiden haben sich für eine Schlafzimmereinrichtung interessiert."

"Waren sie irgendwie auffällig?"

herwig D. schüttelte den Kopf.

"Ne. Das heißt, auffällig viel Geld hatten sie. Klamotten vom feinsten. Und sie rückten in einem Porsche an an, mit Erlanger Nummer."

"Kannst du sich an den Namen erinnern?"

"Einen Moment!" Er verließ sie Werkstatt und kam einige Augenblicke später aufgeregt zurück.

"Es ist weg." Panik stand in herwigs Augen.

"Was ist weg?"

"Mein Gehirn. Ich hatte es vor drei Tagen zur Reparatur, und jetzt ist es weg."

Cathrin starrte ihn fragend an.

"Wovon redest du eigentlich?"

"Von meinem Minicomputer. Da hab ich alles gespeichert. Namen, Adressen, Telefonnummern, Termine, Kunden, Ideen – ohne das Ding bin ich ein Nichts."

In diesem Augenblick kam Hans Malik, Cathrins Kollege von der Spurensicherung herein.

"Schau mal, was wir im Zerhacker gefunden haben."

"Mein Gehirn," seufzte herwig erleichtert nahm das handliche kleine Gerät an sich.


"Das gibt´s doch nicht!"

"Bitte, bitte, reg´ dich jetzt nicht auf, Liebling!" herwigs Frau Ute versuchte, ihren Mann zu beruhigen.

Der hackte wie von Sinnen in Tasten seiner elektronischen Gedächtnisstütze.

Aber außer einem gehässigen "Error" spuckte das Display allerdings keinerlei Informationen aus.

"Vermutlich hat der Täter oder die Täterin den Speicher zerstört," stellte Cathrin nüchtern fest.

"Wenn ich den zwischen die Finger krieg, dann..."

...wirfst du ihn in den Zerhacker?"

"Mindestens!" fauchte herwig zurück.

"Liebling, mit solchen Äußerungen machst du dich verdächtig, weißt du das?"

"Also Leute, so kommen wir nicht weiter," unterbrach Cathrin die beiden. In diesem Augenblick betrat herwigs Geschäftspartner Gunter M. mit der Belegschaft im Schlepptau den Aufenthaltsraum.

"Okay, das sind alle unsere Mitarbeiter."

"Hat einer von Ihnen gestern eine verdächtige Beobachtung gemacht?"

"Ich...ich!"

"Ja, bitte?"

"Mir ist furchtbar schlecht. Kann ich gehen?"

"Das mußt du die Kommissarin fragen Benno," erwiderte Gunter M.

"Sie haben nichts bemerkt?"

Der junge Mann schüttelte den Kopf. Er sah blaß und übernächtig aus.

"Na gut. Gehen Sie."

"Er ist sehr sensibel, unser Benno," erwiderte Ute, als er Raum verlassen hatte.

"Was ist mit den anderen? Einer muß doch was gesehen haben." Cathrins Stimme klang gereizt.

"Gestern war ich der letzte, der ging, erwiderte Gunter M. Da ist mir nichts aufgefallen."

"Und an dem Tag, als Greta mit ihrem Mann hier war? Gunter M. überlegte.

"War das nicht der Tag, an dem dieser Pressemensch aus München rumturnte?"

"Stimmt," fiel herwig ein. "Du hast dich um ihn gekümmert, weil ich den Verkaufstermin hatte. Ein widerlicher Typ."

"Also ich fand den ganz niedlich," widersprach Ute.

"Du warst auch noch im Büro gestern abend?"

"Nein, nein ich mußte um vier weg. Leider."

"Der Typ war oberschleimig!" maulte herwig.

"Ach Liebling, du bist ja nur sauer, weil er deinen Kalender runtergemacht hat. Und weil er die neueste digitale Kamera hatte."

"Er hat photographiert?" Cathrin schöpfte Hoffnung.

"Wo?"

"In der Werkstatt, im Ausstellungsraum, draußen..."

"Könnt ihr euch noch erinnern, wie der Mann hieß."

"Hanno Dobowski," antwortete Ute wie aus der Pistole geschossen. "Die Telefonnummer hab ich aufgeschrieben. Auf Papier." Sie hatte ihren Satz noch nicht beendet, da flog das elektronische Gehirn ihres Mannes durch den Raum und zerbarst krachend an der chromglänzenden Kaffeemaschine.

"Herr Dobowski, Sie haben uns einen wertvollen Dienst erwiesen. Nochmals vielen Dank." Zufrieden legte Cathrin den Telefonhörer auf und drehte sich zu ihrem Computerbildschirm. Auf diesem war das stark vergrößerte Photo eines Porsche zu erkennen, der vor dem Gebäude der Möbelmacher parkte. Cathrin zoomte das Nummernschild heraus und rief ihren Kollegen von der Zulassungsstelle an. Alles weitere war Formsache.

"Ja, das ist meine Frau."

"Danke, Herr Becher."

Cathrin zog schnell das Leichentuch über den Kopf und deutete ihrem Kollegen an, die Leiche, oder besser, das was von ihr übrig war, ins Kühlfach zurückzuschieben.

"Wie.. wie ist Greta gestorben?"

"Die Obduktion hat ergeben, daß sie durch einen Genickbruch zu Tode gekommen ist."

Als sie das Gebäude verließen, war es bereits dunkel. Justus verabschiedete mit gefaßter Stimme von Cathrin, doch seine Hände zitterten. Wenige Schritte von ihr entfernt, sank er in sich zusammen und begann hemmungslos zu weinen. Cathrin ging zurück und legte ihm tröstend die Hand auf die Schultern.

Das Schluchzen wurde stärker. Justus umklammerte Cathrin wie ein verängstigtes Kind und drückte ihr dadurch fast den Atem ab.

"Herr Becher! Beruhigen Sie sich doch."

Cathrin konnte sich schließlich aus der Umklammerung befreien. Sie half ihm hoch und klopfte ihm den Staub aus dem beigefarbenen Designermantel.

"Geht´s wieder?"

Justus Becher wischte sich die Tränen ab.

"Es ist...alles so schrecklich. Ich kann nicht ohne Greta leben!"

Wenig später saß Justus Becher am Tresen in Cathrins neuer Küche. "Schöne Küche. Ist die auch von diesen..."

...Möbelmachern?" Cathrin nickte. Justus fuhr mit der rechten Hand fast zärtlich über die Holzplatte.

"Greta war begeistert. Sie liebte das samtige Gefühl dieser Oberflächen, seit wir in der Werkstatt waren."

"Das war vor circa zwei Wochen, oder?"

Justus nickte. "Am fünfzehnten. Greta wollte unser Schlafzimmer neu einrichten. Als Geschenk zum Hochzeitstag."

"Wie lange sind Sie, Verzeihung, waren Sie verheiratet?"

"Nächste Woche wären es acht Jahre geworden."

Cathrin schwieg einen Augenblick und musterte Justus, der gedankenverloren vor sich hin starrte.

"Hatte Greta für gestern ein Termin in der Werkstatt vereinbart?"

"Nicht daß ich wüßte. Sie war die ganze Woche auf einer Modemesse nach Italien. Sie besaß eine Modeboutique."

"Und Sie, wo waren Sie gestern?"

"In Berlin. Eine Agentur in der Hauptstadt interessiert sich für meine Werke."

"Sie sind Maler?"

"Nein, ich bin Komponist. Zeitgenössische Klassik."

"Interessant. Wann sind Sie zurück gewesen?"

"Gestern abend, so gegen neun. Ich wollte mit Greta noch essen gehen, aber sie kam nicht. Ich hab ein paar mal versucht, sie auf ihrem Handy zu erreichen, aber das war ausgeschaltet."

"Haben Sie sich keine Sorgen gemacht, als sie heute morgen nicht zu Hause war?"

"Greta war eine Frau, die viel Wert auf ihre Unabhängigkeit legte."

"Wollen Sie damit andeuten, daß...

"Ich muß jetzt los."

Er verabschiedete sich mit einer Hastigkeit von Cathrin, die so gar nicht zu dem von tiefer Trauer gezeichneten Ehemann passen wollte, als der er Cathrin erschienen war.

"Bist du sicher? ...Okay, ich komme, sobald ich hier durch bin."

Cathrin legte auf und vertiefte sich wieder in den Bericht der Spurensicherung. Man hatte Hautschuppen von Greta auf einem der Sofas im Ausstellungsraum der Möbelmacher gefunden. Ferner jede Menge Fingerabdrücke. Auf der Treppe und in der Fertigungshalle waren Schleifspuren auf dem Boden sichtbar. Es war also davon auszugehen, daß Greta schon tot war, als sie im Zerhacker deponiert wurde. Cathrin schloß die Akte und verließ das Büro.

Während sie zu den Möbelmachern fuhr, versuchte sie, die Puzzlestücke des Verbrechens zusammenzusetzen. Greta und Justus waren wohlhabend. Sehr wohlhabend. Cathrin bezweifelte, daß dieser Geldsegen aus dem Verkauf von Kompositionen entstanden war. Und auch eine Modeboutique konnte nicht so viel abwerfen, um das Luxusleben der beiden zu finanzieren. Woher kam also das Geld? Und was wollte Greta mitten in der Nacht bei den Möbelmachern? Welche Rolle spielte Justus? Hatte er die Wahrheit gesagt, oder verbarg er etwas vor ihr? Warum war er neulich so hastig aufgebrochen? So sehr sich Cathrin den Kopf zerbrach, das Ganze machte überhaupt keinen Sinn.

"Ihr glaubt also, Benno weiß mehr, als er sagt?"

"Irgend etwas stimmt nicht mit ihm," erwiderte Ute. "Er baut nur noch Mist, fährt bei jedem Telefonanruf zusammen und sieht aus wie der leibhaftige Tod."

"Vielleicht ist er verliebt?" wandte Cathrin ein.

In diesem Augenblick klingelte Cathrins Handy.

"Hauser! Ach. Tatsächlich? Das ist ja interessant. Sagen Sie, befindet sich in dem Fahrzeug ein mobiles Telefon? Ja, bitte, ich warte!"

Cathrin holte ihr Notizheft heraus.

"Gut. Geben sie mir die Nummern, die angewählt wurden."

"Wie ist euere Telefonnummer?" fragte sie als sie aufgelegt hatte.

"862999", antwortete Ute wie aus der Pistole geschossen.

"Warum?"

"Eine Polizeistreife hat Gretas Porsche unweit von hier entdeckt. Ihr Handy lag noch drin. Und jetzt dürft ihr dreimal raten, welche Nummer sie zuletzt angerufen hat.

"862999?"

"Ja, dreimal. Und immer wollte sie Benno sprechen," erwiderte Carla, die junge Sekretärin.

"Wieso weiß ich davon nichts?" donnerte herwig.

"Weil ich auch nichts davon weiß", antwortete Ute trocken.

"Falls dir das noch nicht aufgefallen ist, du arbeitest in einer Möbelmanufaktur und nicht in einem Swingerclub" fuhr herwig Carla an.

"Sorry. Ich ... dachte mir nichts dabei, ehrlich." Carla brach in Tränen aus.

"Wo ist Benno jetzt?" versuchte Cathrin die Situation zu entschärfen.

"Auf Montage. Wieso?" Gunter M. war zu der Gruppe getreten.

"Sieht so aus, als Greta nicht nur an eueren Möbeln, sondern auch an Benno Interesse hatte," erwiderte Cathrin.

"Na dem wird‘ ich morgen was erzählen," polterte Gunter M.

"Auf gar keinen Fall. Ich knöpfe mir Benno selbst vor," bestimmte Cathrin und verabschiedete sich. Auf dem Weg ins Büro fiel ihr Justus‘ Bemerkung über Gretas nächtliches Ausbleiben und sein rascher Aufbruch wieder ein. Vielleicht wußte auch er mehr, als er zugegeben hatte. Sie machte eine scharfe Kehrtwendung und fuhr Richtung Autobahn.


"Wer ist da?" bellte eine blecherne Frauenstimme in die Gegensprechanlage der Becherschen Villa. Cathrin sagte ihren Spruch auf und wenige Sekunden später summte der Türöffner.

"Wie wünschen?" fragte die schwarz gekleidete Frau, die Cathrin die ein paar Sekunden später gegenüberstand.

"Ich suche Herrn Becher."

"Mein Schwager wohnt nicht mehr hier. Er ist gestern ausgezogen."

Sie reichte Cathrin die Hand.

"Johanna Klein. Ich bin Gretas Schwester."

"Mein Beileid."

Johanna nickte dankend und führte Cathrin in das Wohnzimmer. Im Gegensatz zu Greta, die selbst im Tod noch ein Hauch von Lu"us umweht hatte, wirkte ihre Schwester so nüchtern wie eine Steuerbeamtin.

Cathrin sah sich um.

"Schöne Villa."

"Sie gehörte unserem Vater. Seit seinem Tod verwalten Greta und ich das Familienerbe."

Greta war also von der Reiche-Tochter-Fraktion. Das erklärte zumindest ihre finanzielle Lage.

"Frau Klein, wie war das Verhältnis zwischen Greta und ihrem Mann?"

"Wie meinen Sie das?"

"Liebte sie Justus?"

"Das Wort Liebe kannte Greta nicht. Sie benutzte die Menschen nur. Glaubte, mit Geld könne sie alles kaufen. Auch Justus. Ständig hatte sie irgendwelche Kerle nebenher. Ich habe versucht, sie zur Vernuft zu bringen, aber sie wollte einfach nicht auf mich hören."

Johanna wirkte aufgewühlt.

"Haben Sie ein Ahnung, wo Herr Becher sich aufhalten könnte?"

"Nein."

Während Cathrin sich am Abend in ihrer neuen Küche die übliche Päckchensuppe aufgoß, rekapitulierte sie die Lage. Wenn Justus von Benno wußte, dann hatte er das beste Motiv der Welt: Eifersucht! Dazu paßte, daß er wie vom Erdboden verschwunden war. Aber auch Benno war verdächtig. Wenn er unschuldig war, warum hatte er dann über sein Verhältnis mit Greta geschwiegen?

"Ich schwöre, ich hab‘ mit Gretas Tod nichts zu tun!" Bennos Stimme zitterte.

"Aber Sie kannten die Frau?" Benno nickte.

"Gut?"

"Wir...wir haben uns ein paar Mal getroffen."

"Wo?" fauchte Ute.

"Wann?" fragte herwig.

"Wozu?" erkundigte sich Gunter.

"Bitte, ich stelle hier die Fragen," unterbrach Cathrin die drei.

"Also, noch mal von vorn."

Benno holte tief Luft.

"Es war ein paar Tage, nachdem Greta mit ihrem Mann das erste Mal in der Werkstatt war. Ein Freitag nachmittag. Ich war gerade dabei, abzuschließen. Greta wollte die Matratzen noch einmal testen, weil sie sich nicht sicher war, ob sie die richtige gewählt hatte. Ich hab sie in die Ausstellung geführt und wir kamen ins Gespräch und dann ist es passiert."

"Du meinst, ihr habt hier in...", herwig wurde blaß.

"Und dann," unterbrach ihn Cathrin.

"Von da an haben wir uns regelmäßig gesehen. Es lief immer gleich ab. Sie rief an, wir verabredeten uns in der Werkstatt.

"Auch an dem Abend, an dem Greta starb?"

Benno nickte.

"Ich...sie...wir. Ich kann das nicht!"

"Erzählen Sie der Reihe nach."

"Greta kam kurz nach zehn. Wir haben ein bißchen geredet und sind dann nach oben gegangen. Zum Elefanten."

"Wohin?" fragte Cathrin verständnislos.

"Zum Elefanten."

"Er meint die graue Jori-Couch oben im Ausstellungsraum," erklärte Gunter M.

"Greta liebte das Gefühl des pflanzengegerbten Leders auf ihrer Haut."

"Das kann ich verstehen," warf Ute ein.

"Und dann?"

"Wir...wir hatten, Sie wissen schon."

"Sex?"

Benno nickte.

"Dann bin ich kurz zur Tankstelle, um eine Falsche Wein zu holen. Greta hatte plötzlich Lust darauf."

"Und dann?"

"Als ich zurückkam, so nach zirka zwanzig Minuten, lag sie tot in der Ausstellungsküche. Ich hab dann die Panik gekriegt und sie in den Zerhacker gehieft."

"Warum haben Sie das nicht gleich erzählt?"

"Ich, ich hatte Schiß, daß ich fliege, wenn das rauskommt."

"Blödsinn. Der Kunde ist König," erwiderten Gunter und herwig in schöner Eintracht.

Der Tankwart bestätigte Bennos Alibi. Also mußte an jenem Abend noch jemand in der Werkstatt gewesen sein. Da Justus verschwunden war, fiel der Hauptverdacht jetzt auf ihn. Vielleicht hatte Gretas Schwester in der Zwischenzeit von ihm gehört. Cathrin machte sich auf den Weg. Als sie den Wagen vor der Villa anhielt, verließ Johanna Klein hastig das Haus. Instinktiv nahm Cathrin die Verfolgung auf. Johanna fuhr aus der Stadt. Nach einer halben Stunde stoppte sie den Wagen auf einem Waldweg und stieg aus. Dann erschien ein zweites Auto, das Justus steuerte. Hinter einem Baumstamm versteckt, beobachtete Cathrin, wie Johanna auf ihn zuging und ihn umarmte. Das wurde ja immer verwickelter. Ob die beiden auch ein Verhältnis hatten? Cathrin schlich sich vorsichtig näher, um das Gespräch mithören zu können.

"Du mußt sie vergessen, Justus!"

"Wie könnte ich das, ich habe sie geliebt!"

"Justus, komm‘ zur Vernunft."

"Ich kann nicht."

"Wovon willst du denn leben? Von Gretas Erbe bekommst du keinen Pfennig."

"Du willst mich also erpressen."

"Komm‘ zurück in die Villa. Es...es wird so sein wie früher. Du kannst komponieren, mußt dich um nichts kümmern. Wir könnten glücklich..."

"Du bist froh, daß sie tot ist, stimmt´s?"

"Justus, Greta war kein Engel. Sie war schlecht. Sie hatte Affären. Jede Menge."

"Du lügst, Johanna. Du lügst, weil du eifersüchtig auf sie bist. Auch jetzt noch."

Johanna traten die Tränen in die Augen.

"Nein Justus, ich konnte es nur nicht mehr ertragen, wie sie dich erniedrigt hat. Als sie an dem Abend dalag auf dieser Couch, nackt schamlos, da..."

"Du warst es. Du hast sie umgebracht!"

"Weil ich dich liebe, Justus!"

In diesem Augenblick trat Cathrin aus ihrem Versteck.

Es war ein Unfall," sagte Johanna tonlos. "Ich wollte sie nicht töten."

"Wie ist es passiert?" fragte Cathrin sachlich.

"Ich verfolgte Greta an dem Abend, als sie zu dieser Möbelschreinerei fuhr. Als der junge Mann weg war, habe ich sie zur Rede gestellt. Aber sie hat mich nur ausgelacht. Da bin ich ausgerastet. Ich hab sie hochgezogen, sie hat sich gewehrt und dann fiel sie mit dem Genick gegen die Kante einer Küchenplatte und rührte sich nicht mehr."

"Und dann?"

"Ich habe ihren Wagen versteckt, bin zu meinem Auto zurückgelaufen und nach Hause gefahren."

Zwei Polizeibeamte führten Johanna zum Streifenwagen. Cathrin starrte ihr hinterher. Ihr Magen knurrte laut. Sie hatte seit Tagen schon nichts Anständiges mehr gegessen. Aber jetzt, wo der Fall abgeschlossen war, konnte sie sich guten Gewissens frei nehmen und endlich ihre neue Küche einweihen. Mindestens vier Gänge wollte sie zubereiten. Ein Gourmetmahl, vom dem die Gäste noch in Jahren schwärmen würden.

"Eins mußt du mir noch erklären," sagte herwig, während er vorsichtig ein verbranntes Stück Bratenfleisch aufspießte und mit Todesmut verspeiste. "Wie kommt mein Gehirn in den Zerhacker?"

"Gute Frage."

"Und? Weißt du die Antwort?"

"Ne."

"Aber ich," antwortete Ute und lächelte schelmisch.

"Wieso..?"

"Weil ich das Ding versenkt hab‘!"

herwig fiel die Gabel aus der Hand. Er starrte sie fassungslos an.

"Ich laß mich scheiden."

"Sei nicht kindisch," antwortete Ute trocken.

Auch Cathrin war erstaunt.

"Ich wollte einfach mal sehen, wie er ohne das Ding zurecht kommt."

"Und?"

"War eine schlechte Idee. Ein Mann ohne Gehirn ist noch nutzloser als ein Schreiner ohne Holz."

Ute öffnete ihre Tasche und legte ein Päckchen vor herwig auf den Tisch.

"Los, mach´s auf!"

Gequält schälte herwig das Papier ab. Vor ihm lag das neueste E"emplar eines Minicomputers.

"Der letzte Schrei auf dem Gehirnmarkt!"

"Und meine Daten?" fragte herwig nur halb besänftigt.

"Die hab ich natürlich überspielt!"

Der weitere Abend nahm einen ziemlich feuchten Verlauf und so erwachte Cathrin am nächsten Tag erst vom Klingeln des Telefons. Es war Hans. Der Bauausschuß wartete auf sie, denn die Abnahme der renovierten Leichenhalle stand an. Hastig schlüpfte Cathrin in ihre Kleider. Als sie eine halbe Stunde später die Halle betrat, blickte sie in fünf erwartungsvolle Augenpaare.

"Na, was sagst du?" fragte Hans stolz.

Cathrin starrte stumm auf die frisch getünchten Wände.

"Das sieht ja scheußlich aus. Wie in aller Welt kommt ihr auf Grün?" fragte sie schließlich verwundert.



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