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Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Christian Schüle und der Saibling
Christian Schüle, Hans-Peter Eberhard vom Grünen Baum Kühnhofen und Tourist-Info-Chefin Petra Hofmann
Kater Felix hat kein Zeitproblem

©  DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01

Eine Stadt verbannt die Geschwindigkeit. Ein Unternehmer kämpft gegen die Globalisierung. Ein Wissenschaftler fordert »Zeit-Guthaben« für alle - Reise in acht Etappen zu Menschen, die das langsame Leben wiederentdecken

Von Christian Schüle

Natürlich war ich in diesem Jahr wieder nicht mit meinem Neffen im Kino. Ein einziger Abend war versprochen, Film egal, ein Abend von dreihundertfünfundsechzig Abenden. Du hast ja nie Zeit, sagt der kleine Mann am Telefon.

Wenigstens zu ihrem Geburtstag wollte ich meine Mutter zu Hause besuchen. War klar, sagt sie, dass du’s nicht schaffst. Ein Jahr kann auf irrsinnige Weise kurz sein, sage ich. Bitter darauf ihr Schweigen.

Für 2006 hatte ich mir vorgenommen, mindestens zehnmal in Theater und Oper zu gehen. Immer kam etwas dazwischen, von dem ich nicht wusste, ob es wichtiger oder nur bequemer war. Vier Wochen wollte ich durch Südamerika reisen, im Mai dachte ich noch: Pah, hast ja noch das ganze Jahr vor dir. Weiter als bis Griechenland kam ich nicht, eineinhalb Wochen, zwischen zwei unaufschiebbare Projekte gequetscht, mit Laptop und einem Berg Arbeit. Im Juli begann dann das linke Augenlid zu zucken. Sport, jeden Mittwoch zwei Stunden Tennis, am Wochenende Rad fahren, das war das große Vorhaben. Wo der Schläger ist, weiß ich bis heute nicht; Rad gefahren bin ich einmal. Im August schwor ich mir, nie mehr zu spät zu kommen, und überzog von September bis November eine Deadline nach der nächsten.

Ich bin erschöpft und in meiner Erschöpftheit zugleich hyperaktiv. Es kam in diesem Jahr gelegentlich vor, dass ich nicht mehr wusste, welches Datum war. Ich bin nicht imstande, zu sagen, womit genau ich meine Zeit verbrauche. Ich stelle nur fest, dass ich nie genügend habe. Ich fühle mich getrieben von den Umständen, über deren Bedingungen ich nichts Genaues weiß. Ich bin ein typischer Vertreter der dauererregten Leistungsgesellschaft in permanenter Zeitnot. Solche Menschen tun das meiste gleichzeitig und erlegen sich stets das höchste Pensum auf, unter dessen Druck sie dann leiden. Warteschlangen im Postamt martern sie, in Wartezimmern beim Arzt werden sie rasch ungehalten, auf Wartestühlen in Ämtern wütend. Oft arbeiten sie in die Nacht hinein. Sie schlafen schlecht, weil sie nicht abschalten können. Die Uhr ist ihr wichtigster Partner.

Anfang November las ich in verschiedenen wissenschaftlichen Studien folgende Fakten: Ehepaare reden am Tag durchschnittlich acht Minuten miteinander; 40 Prozent der leitenden Angestellten leiden unter Stress; das Lebenstempo hat sich in den letzten 200 Jahren verdoppelt; vier von fünf Kindern in Deutschland fühlen sich unter Zeitdruck; der Einsatz von Beruhigungsmitteln, Antidepressiva und Muntermachern steigt jährlich um acht bis zehn Prozent; und Untersuchungen der Historikerin Juliet Schor zufolge haben Amerikaner seit Mitte der 1970er Jahre 37 Prozent ihrer Freizeit eingebüßt.

Als ich erkannte, dass auch ich zu denjenigen gehöre, in deren aktivem Wortschatz das wunderbare Wort »Muße« nicht vorkommt, machte ich mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit. Ich reiste nach München, Zürich, Luzern, Sursee, Hersbruck und Frankfurt und traf Menschen, die die Zeit wiedergefunden haben.


1. Etappe: Ein westeuropäischer Workaholic erkennt sich selbst



Da ich berechenbar zu spät aus dem Bett komme und mein biologischer Rhythmus mit der sozialen Uhrzeit grundsätzlich in Konflikt liegt, stand ich am Tag der Abreise gezielt eine Stunde früher auf, als es meine Natur vorgesehen hätte, verbot mir, wie üblich noch schnell ein paar Telefonate zu führen, hakte die To-do-Liste ab und fand die beglückende Gelegenheit, zwei Hemden zu bügeln, Schuhe zu imprägnieren und im Sitzen zu frühstücken. Am neuerdings erheblich beschleunigten digitalen Ticketautomaten auf dem Hamburger Hauptbahnhof bestellte ich in 20 Sekunden eine Fahrkarte nach München und rechnete aus, dass ich ab jetzt 10.800 Minuten zur Lösung der Frage hätte, wo die Zeit geblieben ist, bevor der Text in Druck gehen müsste.

Bahnhöfe sind, wie Flugplätze, Beschleunigungsgeneratoren, wo die Herrschaft der Uhr zur Herrschaft über die eigene Zeit wird, und der Hauptbahnhof Hannover ist unter allen Beschleunigungsgeneratoren einer der kraftvollsten. Hier ist zu fast jeder Zeit Folgendes zu erleben: Beinahzusammenstöße, Zusammenstöße, Rempeleien, Staus auf den Rolltreppen, schreiende Kinder, ausgebremste Hektiker, ausbremsende Seniorinnen, kollidierende Kolonnen, während die Stimme der Ansagerin kundtut, der ICE 951 habe siebzehn Minuten Verspätung. Mindestens die Hälfte zückt daraufhin sofort das Handy und brummt die Nachricht von der Verspätung hinein. Dann die Qual des Wartens am Bahnsteig. Die Zumutung der Leere, da siebzehn Minuten lang nichts geschieht. Die Ereignislosigkeit aushalten zu müssen scheint die größte Herausforderung für das spätmodern getaktete Subjekt zu sein, diese Zumutung, den ungeplanten Stillstand, die eigene Ohnmacht zu ertragen. Der Zug kommt überraschend früher zu spät, allerdings hat sich der Wagenstand geändert. Mindestens die Hälfte zückt erneut das Handy, um die Änderung der Änderung mitzuteilen. Während Erste-Klasse-Kunden an mir vorbei nach D bis E hasten, haste ich zu den Abschnitten A bis C, wo sich eine kleinwüchsige Nonne seelenruhig ein Taschentuch unter den Ärmel stopft.

Während der Fahrt im ICE nach München lese ich einige kognitionspsychologische Studien zur Zeit. Ich lerne, dass ich erstens ein typischer Vertreter der westlichen Kultur bin, da ich deren M-Zeit-Bewusstsein habe, und zweitens unter der »Eilkrankheit« leide. M-Zeit-Kultur-Menschen (monochrome) arbeiten in linearer Abfolge von festgesetztem Anfang bis festgesetztem Ende, P-Zeit-Kultur-Menschen (polychrome) widmen sich einem Ereignis so lange, bis eine neue Neigung auftaucht. Wissenschaftlich gesehen, bin ich also Typ A in der M-Zeit-Kultur eines der schnellsten Länder der Welt; ein westeuropäischer Workaholic in der Rush-Hour-Phase seines Lebens, dazu Chronotypus Spätaufsteher.

Ein Typ A wie ich geht und isst meist schnell, leidet unter der Langsamkeit anderer, ist nervös, unruhig, ungeduldig, vervollständigt Sätze von Leuten, die ihm zu schleppend reden, und lebt unterm Diktat der Uhrzeit. Sein Leben ist ein streng getaktetes Ablaufprogramm von kurzfristigen Arrangements, die ständig neu koordiniert werden müssen. M-Zeit-Kulturen wie Amerika, Deutschland oder Japan sind gekennzeichnet durch Einhaltung von Zeitplänen, P-Zeit-Kulturen wie Brasilien oder Mexiko durch eine starke Beziehung zu den Mitmenschen. In individuell geprägten Kulturen bewegen sich die Menschen schneller als in jenen vom Kollektiv geprägten. Nach Untersuchungen des amerikanischen Sozialpsychologen Robert Levine auf allen Kontinenten der Erde ist Typ A ein Mensch aus der oberen Bildungsschicht, der getrieben wird vom Gefühl des Zeitdrucks, von Stress und Konkurrenzdenken in hochkompetitiven Ballungsräumen.

Typ A ist ohne Zweifel ein Opfer dessen, was der italienische Philosoph Giacomo Marramao mit dem Begriff »Zeitsyndrom« als Grundlage der globalisierten Gesellschaft erfasst hat: der wachsenden Diskrepanz zwischen der Inflation an Erwartungen und der fehlenden Zeit zu ihrer Erfahrung. Für Erfahrung braucht man Zeit. Entertainment- und Konsumgüterindustrie arbeiten systematisch mit der Zeitknappheit und mästen sich mit dem Bedürfnis der Menschen nach Erlebnissen: Immer neue Trends verleiten zum Einkaufen, Sonderangebote zum schnellen Kauf (man ist ja nicht blöd!), und irgendwann hat man das Gefühl, immer hintendran zu sein.

Die klassische Typ-A-Mensch-Stadt einer M-Zeit-Kultur ist die Singlestadt mit hohem Lebensstandard. Singlestädte ziehen eine hohe Konzentration von Typ-A-Menschen an. Schnelle Menschen erzeugen schnelle Städte und umgekehrt. In schnellen Städten wird zur Stressbewältigung eher geraucht, getrunken und es werden Drogen genommen. Für Typ A, der sich gezwungen fühlt, jeden freien Augenblick zu nutzen und eine frei werdende Zeiteinheit sofort mit Tätigkeit zu belegen, ist die Gefahr des Herzinfarkts statistisch gesehen siebenmal höher als für Typ B, der im Treiben des Seins sich und die Zeit durchaus vergessen kann.

Begegnen sich zwei Typ-A-Menschen im M-Zeit-Ballungsraum, verfallen mitunter die Sitten. Man kommt sich ins Gehege. Türen werden nicht aufgehalten, weil das Aufhalten aufhält, und selbstverständlich werden Warteschlangen ignoriert, denn man ist bei sich und außer sich zugleich, man ist in der Zeit, und dieselbe rennt rücksichtslos, und niemand verliert ein Rennen gern freiwillig.



2. Etappe: Wie Klettverschlüsse, Suppenwürfel und Teebeutel die Welt beschleunigen


Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik, Karlheinz Geißler, lebt im Münchner Südosten in unmittelbarer Nähe zu einer Barockkirche mit grünspanschönem Zwiebeltürmchen und hell klöppelnder Glocke.

München ist die idealtypische Typ-A-Stadt. Schon im Bahnhof hat man das Gefühl, jemand habe einen Beschleunigungsknopf gedrückt. Auf den Trottoirs, Plätzen und Straßen ist man stets gezwungen, Abkürzungen zu suchen, und ertappt sich beim Fluchen, wenn ein anderer den selbst gewählten Weg kreuzt, was permanent vorkommt. Zeit ist immer auf Raum bezogen, weil Zeit als Bewegung im Raum definiert ist. Wenn mir aus Gründen der Zeitersparnis jemand den Weg abschneidet, erlegt er mir sein Tempo im gemeinsamen Raum auf und verfügt somit über meine Zeit, weil ich mich anpassen und mein selbst gewähltes Tempo verändern muss. Durch sich verdichtende Räume steigt der Grad an Hektik und Stress. Zeitnot ist letztlich Raumnot.

Geißler musste die Zeit nie wiederfinden, weil er sie nie verloren hat. Sein Leben lang ist er schon zur Langsamkeit gezwungen, im Alter von fünf Jahren ereilte ihn die Kinderlähmung. Er hinkt. Er wurde Betriebswirt und Pädagoge, begann das Verhältnis von Zeit und Gesellschaft vom Standpunkt des stets Außenstehenden zu analysieren und ist kürzlich von der Bundeswehr-Universität München emeritiert worden. Zu Beginn eines Gesprächs über den Geschwindigkeits-Wahnsinn kocht der Chronist der Beschleunigung Espresso. Espresso – wieder so ein kleiner Held der Temposteigerung im Alltag! Weitere Helden sind Teebeutel, Klettverschluss, Fernbedienung, Thermomix, Suppenwürfel, Fleischextrakt. Die, sagt Geißler, hätten unser Zeitgefühl unmerklich verändert und seien verantwortlich für die enorme Zeitverdichtung der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft und ihre Effizienz-Maximen. Alles muss schnell gehen, ein Typ A kennt das: Mal schnell das fragen, mal kurz jenes machen, mal rasch hierhin. Ja, aber warum eigentlich? Warum kurz, schnell, rasch?

Mehrmals meldet sich das Telefon. Geißler lässt es klingeln, unbekümmert, bis es verstummt. Eine Demonstration in Zeitsouveränität. Darum geht es ihm: selbstbestimmt die eigene Zeit gestalten. Seit es die Räderuhr als pures Messgerät gibt, um sich von der Naturuhr unabhängig zu machen, ist das Naturwesen Mensch zunehmend vertaktet und vermessen worden. »Die Uhr quantifiziert und objektiviert den Menschen«, schreibt der kulturkritische Trendforscher Jeremy Rifkin, »sein Leben wird mit der Uhr gleichgeschaltet, mit den Erfordernissen des Zeitplans und den Diktaten der Effizienz.« Dieses System arbeitet forciert vor allem an der Aufhebung von Verbindlichkeit. Je mehr Verbindungen angeboten werden, desto weniger verbindlich sind sie.

Mit der Erfindung von Dampfmaschine und Eisenbahn Mitte des 19. Jahrhunderts wurde wirtschaftliches Wachstum und somit Wohlstand über wachsende Beschleunigung erreicht. Wobei Wachstum bedeutet, in gleicher Zeit mehr zu tun als bisher oder bisher ungenutzte Zeit künftig ökonomisch nutzbar zu machen, entsprechend dem in kapitalistischen Gesellschaften herrschenden Grundsatz »Zeit ist Geld«, den Benjamin Franklin, Freimaurer, Verleger und Gründungsvater der USA, im 18. Jahrhundert ausgegeben hat. Dieses lineare Beschleunigungsmodell, sagt Präsident Geißler, sei an sein Ende gelangt, da die Temposteigerung von der Eisenbahn über das Auto und das Flugzeug zur Rakete mittlerweile bei der Lichtgeschwindigkeit von 300.000 km/sec angekommen und nicht mehr zu überschreiten sei, weswegen ein neues Paradigma geschaffen werden musste: das der »Vergleichzeitigung«. Mit einem Wort: Flexibilisierung. Enttaktung. Aufhebung der M-Zeit.

Der Paradigmenwechsel drückt sich aus in der Idee der »24-7-Gesellschaft«, der 24-Stunden-sieben-Tage-rund-um-die-Uhr-Gesellschaft ohne Ladenschlusszeiten und Sonntagsruhe. »Pünktlichkeit«, sagt Geißler, »ist zu einer überkommenen Moralvorstellung geworden.« In der schlaf- und rastlosen Digitalepoche, in der die Zeitzonen zerflossen seien, komme es nicht mehr darauf an, pünktlich, sondern auf den Punkt präsent zu sein. »Multi« ist das Präfix dieser Enttaktung. In der Multioptionsgesellschaft mit multiplen Wahlfreiheiten, multipolaren Effekten, pluralistischen Wertvorstellungen und multifunktionalem Selbstverständnis besteht die große Lebenskunst im Mut zur Priorität. In der enttakteten Zeit wird das Entscheiden zur überlebenswichtigen Strategie.

Und natürlich zum Fluch. Im Eigentlichen ist das Entscheiden keine Kunst, sondern eine Nötigung: Um sich entscheiden zu können, wollen Alternativen geprüft sein, wofür es Zeit bedarf, was wiederum Druck ausübt, der schließlich Zeitnot bedingt. Je mehr Entscheidungsmöglichkeiten einer hat, desto mehr will er realisieren, desto weniger will er verlieren, desto mehr lädt er sich auf, desto weniger Zeit bleibt letztlich, weil nicht geschieden, sondern addiert wird. Der M-Zeit-Mensch, der an kein Jenseits mehr glaubt, packt aus der Kränkung über seine Endlichkeit heraus zwei Leben in eins und verdoppelt das Pensum aus Angst, das Entscheidende verpasst zu haben, bevor er stirbt.

Dieser Mensch ist, sagen wir, zugleich Prokurist, Chormitglied, Kirchenvorstand, Ausschussmitglied, Verbandsvizepräsident, Sportfunktionär, Vater, Ehemann. Seine Frau ist Anwältin, Elternbeirätin, Frauengruppenleiterin, Yogaschülerin, Hobbymalerin, Kinderchauffeurin, Mutter. Die Vergleichzeitung und Gleichwertigkeit vielfältiger Aufgaben wird als »Multitasking« bezeichnet. Abgesehen davon, dass kulturkritische Hirnforscher dem menschlichen Gehirn unterstellen, ab einer bestimmten Impulsdichte und Zäsurlosigkeit den Verstandesdienst zu verweigern, hat niemand dem von der großen Wahlfreiheit überforderten Subjekt das Entscheiden je beigebracht. »Zeitwohlstand«, schließt Geißler, der akademische Zeitforscher, »ist nur durch Verzicht auf Geld zu bekommen.« Geld. Das ist das Schlüsselwort, und es führt direkt zu Ivo Muri.



3. Etappe: Ist der Kampf um die Zeit eigentlich einer Hochkultur würdig?


Zürich, Luzern, Sursee. Raum vergeht, und Zeit fließt dahin, und im Traktat Die Uhr lese ich die folgenschwere Sentenz: »Eine Gesellschaft, die keine Zeit hat, lebt nicht.« Wer Zeit verliert, heißt das, verliert Leben. Kann man überhaupt Zeit verlieren? Ivo Muri ist eine Art Privatphilosoph der wiedergefundenen Zeit. Er muss einmal sehr wütend gewesen sein, noch gar nicht lange her, als er über die Fremdbeherrschung des Menschen nachzudenken begann und darüber, dass die Menschheit dermaßen rennt, weil die Zeit zu Geld wurde. Also schrieb er das kleine Buch Die Uhr. In der Eingangshalle des dreistöckigen Gebäudes seines 1994 gegründeten Unternehmens ZEIT AG Timeware of Switzerland klacken die aufeinander gesetzten Zahnräder einer als Kult- und Kulturobjekt ausgestellten Turmuhr der Jahrhundertwende ungerührt und gnadenlos. Dieses mechanische Monster hält eine erste Lektion bereit: Zeit konstruiert sich durch gezielte Hemmungen selbst. Gäbe es die so genannte Hemmung nicht, Anker und Ankerrad, rasten alle Räder durch. Die große Frage also ist: Wer und was hemmt das Räderwerk der sozialen Zeit, auf dass die Gesellschaft nicht besinnungslos dahinrase?

Es ist überaus schwierig, mit Herrn Muri nicht sofort in Debatten über Macht und Geld zu geraten. »Wer über Zeit herrscht«, ist einer seiner Leitsätze, »herrscht über die Menschen.« Womit klar ist, dass der Mann mit dem weichen Timbre, 47 Jahre, gelernter Betriebswirt, besorgter Unternehmer, auf der Suche nach der verlorenen Zeit die Allgegenwart des globalen Feudalismus gefunden hat. Der Einzelne sei nicht mehr Herr seiner Zeit, er sei Sklave der bewussten Beschleunigung privat kontrollierter Geldströme. Das ist einer von mehreren subversiven Gedanken, die Muri am Rand des Sursees vor alpiner Kulisse unter einer Trauerweide angeflogen haben. Auffällig ist, dass die meisten, die sich mit Zeitpolitik oder Zeitbewusstsein beschäftigen, erstens vornehmlich in südlichen Gefilden zu finden sind und sich zweitens als links, links geneigt, als Marxisten oder Neomarxisten bezeichnen lassen.

Was den Marx-Freund Ivo Muri betrifft, ist es nicht unerheblich, zu wissen, dass seine Firma Software für Zeiterfassungsgeräte herstellt, Stempeluhren im Touchscreenformat zum Beispiel. Die ZEIT AG ist Marktführer in der Schweiz, Jahresumsatz acht Millionen Franken, klassischer Mittelstand, 30 Angestellte. Es ist paradox: Ausgerechnet seine Firma trägt mit der Produktion von digitalen Messgeräten zu jener Beschleunigung bei, die Muri kritisiert. Er weiß, dass er Teil des Wahnsinns ist, dass er mitmacht im großen Spiel. Doch sieht er sich als Prophet im eigenen Land, der aus der praktischen Erfahrung heraus und mit dem durch Zeitwirtschaft gewonnenen Geld das System von innen schrittweise zu verändern beginnt. Er gründete vor vier Jahren ein Institut mit dem Namen Zeit&Mensch. Als Zeit-Gelehrter aus Leidenschaft begann er, Politiker zu beraten, Zeitstrategien für Unternehmen zu entwickeln, Seminare zu geben und mit durchaus verschwörungstheoretischem Charme ein wenig die Welt zu bekehren.

Seither zieht er gegen die hemmungslos gewordene Flexibilisierung, gegen die Aufhebung der Grenzen und lokalen Währungen und den »Irrsinn des Freihandels« zu Felde. Der zeigt sich für Muri darin, dass alle am Arbeitsprozess Beteiligten dem Zwang ausgesetzt sind, mehr zu leisten, als die Natur zulasse. Durch die Beschleunigung des Spekulationskapitals unter der absoluten Regentschaft der Shareholder-Value-Ideologie und dem Diktat sprintender Heuschrecken wie der Hedge-Fonds seien Firmenchefs zur Quartalsberichterstattung gezwungen. Sie müssten kurzfristige Erfolge erzielen, um andauernd Rendite bringen zu können. Man hat von den Folgen gehört: Burn-outs, Schlafstörungen, Depressionen, Angst- und Erschöpfungszustände, die mit Kuren zu kurieren wiederum Zeit und Geld kostet. Wo also ist, auf lange Frist gesehen, der Gewinn?

Muri und seine Informatiker erfahren die Beschleunigung im Zeitmessgewerbe täglich am eigenen Leib. Werde nicht jedes zweite Jahr auf der Messe etwas technisch völlig Neues angeboten, ernte man im besten Fall ein Lächeln. Um einen Auftrag zu bekommen, erwarteten die Kunden heute vom Anbieter zehn statt wie vor kurzem noch zwei Besuche. Der Auftraggeber gehe selbstverständlich davon aus, dass das bestellte System stante pede geliefert und in drei statt bisher zehn Tagen eingeführt werde. Seit etwa fünf Jahren hätten die berechenbaren Beziehungen zu Stammkunden und Geschäftspartnern abgenommen, was den Druck erhöhe, neue aufzubauen, und zwar ständig. Die Ansprechpartner wechselten permanent, und obwohl alles ausverhandelt sei, werde fast immer nachverhandelt, was viel Zeit koste.

Mit dem E-Mail-Verkehr hätten die Terminanfragen um 50 Prozent zugenommen. Wolle man täglich alle beantworten und täglich alle Termine koordinieren, bleibe keine Zeit zum Nachdenken mehr. Je mehr Vernetzung, desto mehr Koordination, desto stärker der Termindruck, desto größer die Abhängigkeit, desto schwächer die kreativen Kräfte. Wegen des daraus resultierenden Stresses würden die Mitarbeiter öfter krank, die Planung werde schwieriger, gemeinsame Begegnungsräume verkleinerten sich, soziale Bindungen schwänden, eine Kultur der Gemeinsamkeit schaffe sich selbst ab, in Sydney wie in Sursee.

Sursee, Kanton Luzern, ist ein adrettes Städtchen mit 8000 Einwohnern und einer Sonnenuhr am spitzgiebligen Rathaus. Überhaupt gibt es hier mehr Sonnen- als Räderuhren, und öffentliche Zifferblattuhren gibt es nach Lage der Dinge nur eine. Alle Viertelstunde meldet sich ein schüchternes Kirchglockenschlägli vom Turm der Stadtkirche St. Georg, und merkwürdig ist, wie der Typ-A-Großstädter, dessen Leben sich in Hast und Hetze eingerichtet hat, beinahe automatisch, jedenfalls unbeabsichtigt zur Ruhe kommt, ohne unterm eigenen Leerlauf zu leiden. Während im Gasthof Hirschen zu Sursee einer der italienischen Köche im Heldentenor eine Verdi-Arie kredenzt, diskutieren wir schließlich die entscheidende Frage: »Ist der Kampf um Zeit einer Hochkultur würdig?« Nach vier Stunden ist noch keine Antwort gefunden, der Wahn der Beschleunigung aber in ein Bild gepackt: Vor 100 Jahren schlachtete man ein Schwein im Alter von drei Jahren; heute kommt ein Schwein in sechs Monaten zur Schlachtreife; extrapoliert man diese Entwicklung in die Zukunft, müsste man im Jahr 2013 ein Schwein schlachten, bevor es geboren ist.

Muri will die Zeit und also die Seele und im Eigentlichen das Leben an sich retten. Diesem rastlos agierenden, nie ermüdenden Einzelkämpfer aus Sursee geht es, wie uns allen, ums Banalste und zugleich Wertvollste: Freiheit.

Ich stand nun am putzigen Bahnhof von Sursee und dachte darüber nach, was Muri mir erzählt hatte. »Eine Gesellschaft, die keine Zeit hat«, hatte er zum Schluss geflüstert, »lebt nicht.« Das andauernde Gefühl, nicht das zu schaffen, was man will; das zermürbende Gefühl, unfrei zu sein, getrieben, irgendwelchen Prozessen ausgeliefert, es resultiert letztlich in der Überzeugung von der eigenen Ohnmacht. Wirklich frei ist nicht, wer tägliche To-do-Listen abarbeitet, er macht sich abhängig von der Listenlogik. Frei ist nicht, wer seine Mahlzeiten mit dem Handy am Ohr verschlingt und nach einer Kaufrequenz sucht, möglichst schnell den Mund freizubekommen.

Ich löste einen Fahrschein nach Nürnberg und überlegte: Wenn Zeit nichts weiter ist als eine soziale Übereinkunft, dann müsste man sie ja auch ändern können.



4. Etappe: Besuch in der langsamsten Stadt Deutschlands


Hersbruck in Mittelfranken, dreißig Minuten nordöstlich von Nürnberg, ist die erste »langsame Stadt« in Deutschland. Wobei man unter langsam nicht das Gegenteil von schnell zu verstehen hat; langsam heißt hier lebenswert und ist ein Qualitätsmerkmal. Die 12.500-Einwohner-Stadt war 2001 der erste ausländische Ort, der sich der aus Italien kommenden Vereinigung »Cittaslow« anschloss – was der Selbstvermarktung dient, aber auch der Hersbrucker Ideologie voll entspricht. Langsame Städte wie das evangelisch-bayerische Hersbruck setzen den globalkapitalistischen Kreisläufen gezielt regionale Kreisläufe entgegen. Handelsketten sind unerwünscht, alteingesessene Betriebe werden bewusst gefördert, historische Flächen aus dem 15. Jahrhundert beweidet, Streuobstwiesen kultiviert. Die Bauern vermarkten direkt, in den Gaststätten kommt, auch wenn das Lamm ein paar Cent teurer ist, nur die »Heimat auf den Teller«. Die Stadt hat vier Erdgasbusse, eine Erdgastankstelle, und wenn ein Begriff alle Hersbrucker Bemühungen auf den Punkt bringt, so ist es jener der Nachhaltigkeit.

In der ersten langsamen Stadt Deutschlands wird weder gehupt, noch gibt es mehr als zwei öffentliche Uhren. Von zehn zufällig Angesprochenen haben nur fünf eine Armbanduhr, und obwohl der Bürgermeister eigentlich keine Zeit hatte, geht im Rathaus überraschend ein Fenster auf. »Sie sind ja schneller als der Schall«, sagt Wolfgang Plattmeier und bittet um dreißigminütige Verschiebung des Gesprächs, Regierungsbeamte warteten noch auf ihn.

Der Bürgermeister, ein Roter, ist das Triebwerk der lebenswerten Langsamkeit. »Wir könnten unser neues Thermalbad auch mit deutlich billigeren Hackschnitzeln aus Brasilien oder Tschechien beheizen«, sagt er, »aber wir verwenden ausschließlich Hackschnitzel aus der Region bis zwanzig Kilometer.« Plattmeier, zugleich Erster Vorsitzender der deutschen Sektion der Cittaslow-Bewegung, dem Bewerbungen vier deutscher Städte vorliegen, geht es um nichts weniger denn um gesteuerte Anreize, sich Zeit fürs Nachdenken und fürs Schärfen des Bewusstseins zu nehmen. Er will den Bürger animieren, Zeit qualitativ zu bewerten, nachzusinnen über die Herkunft der Nahrung und die Zyklen der Natur, über Leid und Freud und Geschichte, die in der traditionellen Substanz der alten fränkischen Häuser aus dem 17. Jahrhundert stecken. Programmatisch erklärt der Bürgermeister: »Man muss nicht autark sein, aber Autarkie ist ein genussvoller Luxus, der einen letztlich viel aufmerksamer und sorgfältiger werden lässt.«

Natürlich ist Hersbruck vollwertiges Mitglied der späten Moderne. Es gibt Hartz-IV-Bürger, an die 400 Arbeitslose, den üblichen Kirchgängerschwund, und von der Vergreisung der deutschen Gesellschaft macht auch eine langsame Stadt keine Ausnahme. Selbst in Hersbruck kommt es nachweislich vor, dass eine hastende Frau in High Heels ihren Cherokee auf dem Trottoir parkt und zum Schuhmachermeister rennt. Aber wer eine McDonald’s-Filiale mit dem Hinweis ablehnt, Fast Food gehe vielleicht schneller, sei jedoch verlorene Zeit, da Harmonie, innere Ruhe und seelische Zufriedenheit beim Essen verlustig gingen (was schließlich einen erheblichen Aufwand an kontemplativem Ausgleich verlange), der muss geradezu stolz sein auf Bürger wie den international erfolgreichen Möbelmacher Herwig Danzer. Der arbeitet in der immer hektischer auf Just-in-Time-Produktion sich abrichtenden Hausbaubranche gezielt mit dem Faktor Entschleunigung.

Für seine Massivholzküchen kauft Danzer ausschließlich Kiefern und Lärchen von der Forstbetriebsgemeinschaft aus dem heimatlichen Wald vier Kilometer entfernt. Eingekauft wird nur im Winter, wenn der Frost das Holz getrocknet hat. Seine Säger brauchen fürs Sägen mindestens drei Wochen Zeit, seine zinsfressende Lagerhaltung bringt jeden Steuerberater zur Verzweiflung, weil das Holz so lange Platz belegt, bis es eben gebraucht wird. Das Ölen, Trocknen und Wiederölen der Platten mit Naturharz schließlich erfordert viermal so viel Zeit, wie wenn man es wie üblich spritzte. »Unsere Kunden schätzen den hohen Aufwand, zahlen mehr und warten länger, fahren dafür aber keine teuren Autos.« Der Möbelmacher nennt das »Wertverlagerung«. Erst wer Zeit als solche wahrnimmt, erkennt ihren wahren Wert.



5. Etappe: Bei einem Bauern, der selbst bestimmt, wann es Zeit ist


Die Fahrt von Hersbruck zum Ende der vermessbaren Welt führt an der Forellenzucht Mosenhof vorbei durch den Schlamm jungfräulicher Auen über einige Hügel zum Weiler Vorderhaslach bei Happurg, wo in außerzivilisatorischer Idylle drei bunte Häuser eine Hofgemeinschaft bilden. Der aufgeweckte Hoverat-Collie Finn jagt gern Hühner. Sonst herrscht gesegnete Ruhe. Drei Familien, vier Pferde, acht Katzen, 16 Mutterkühe und 30 Jungtiere leben hier friedvoll beisammen.

Dass er an einem sonnendurchtränkten Frühwinterwerktag einfach so dasitzt und mit Gästen aus der Stadt stundenlang Roibusch-Hanf-Tee trinkt, ist der eindrückliche Beweis, dass Uwe Neukamm sich gegen den Wahnsinn entschieden hat. Der »Wahnsinn« ist die Vollerwerbslandwirtschaft. Der Wahnsinn ist die Losung »Wachse oder weiche«. Neukamm will weder wachsen noch weichen.

Neukamm, 44 Jahre, Rundbrille und Ohrstecker, ist Biobauer und Sprecher der Demeter-Biobauernvereinigung im Landkreis Nürnberger Land mit über zwanzig Direktvermarktern. »Wir leben ja in einer Welt, die uns immer mehr zwingt, den Rhythmus der Maschinen anzunehmen«, sagt er. Je mehr zeitsparende Maschinen es gebe, desto mehr stehe man unter Zeitdruck. Der spätmoderne Landwirt ist das beste Beispiel. Vor fünfzig Jahren reichte dem Bauern der Einscharpflug, dann kam der Zwei-, dann der Dreischarpflug. Heute braucht man schon einen Zwölfscharpflug, 24-mal so breit, der Traktor dreimal so schnell wie vor fünfzig Jahren. Der junge Großbauer von heute investiert ein Vermögen in teure Maschinen. Bis zu drei Millionen Euro ist sein Maschinenpark wert. Hat der Bauer dadurch mehr Zeit?

Geh her! Die Erzeugerpreise für Getreide sind gefallen, liegen tiefer als in den fünfziger Jahren. Gleichzeitig steigen die Kosten für Versicherungen, Reparaturen, Strom und Wasser so stetig, wie der Wettbewerb sich verschärft. Benötigte man 1970 neun Bullen für den Kauf eines neuen Ladewagens und 1990 31, müsste man heute volle 45 aufbringen. Die Umstände zwingen den Landwirt zur Quantität. Quantität bedeutet, größere Felder zu bestellen, wodurch die Landschaft wiederum maschinengerecht gemacht werden muss, auf dass sie einem 300-PS-Traktor bei der Arbeit nicht im Wege stehe. Im Verhältnis zur Nachkriegszeit, sagt Neukamm, sei die Produktivität um das Zehnfache gestiegen, und die Arbeitsbelastung vor allem junger Landwirte habe trotz (oder wegen) der großen Maschinen immens zugenommen.

Uwe Neukamm hat keinen Ladewagen, er will keinen, und er braucht keinen zu seinem Glück. Glück – das ist, wenn die Zeit reif ist. Das sagt er oft. Wenn die Zeit reif sei, werde er die Flächen mähen; wenn die Zeit reif sei, werde er eine Scheune bauen. Wann die Zeit reif ist, entscheidet er selbst. Seine Maschinen sind ein paar schlappe 10.000 Euro wert. Er vermarktet Holz, Gemüse und vor allem Dinkel direkt und nimmt jährlich 70.000 Euro ein. Am Ende des Jahres bleiben 10.000 übrig. Seine Frau arbeitet halbtags als Sozialpädagogin. Es gibt reichere Menschen auf der Erde. Die Neukamms kommen gut über die Runden. »Die meisten Leute werden von der Zeit überholt und kommen gar nicht dazu, Zeit zu erleben.«

»Wie geht das?«
»Die Zeit einholen.«
»Aber wie?«
»In der Gegenwart leben«, sagt er.

Neukamm hat einige solcher Sätze parat, deren schönster, eine Art Biobauernregel, geht so: »Wenn’s regnet, wird’s auch wieder schöner.«

Über die Straße rechts, hundert Meter vom Hof entfernt, liegt ein herrlicher, großer Grasacker, auf dem ein Tipi, ein Indianerzelt, steht. Das Land gehört der Hofgemeinschaft. Hier hält ein Heiler aus Bonn regelmäßig Feuerläufe, Healing Circles und Schamanische Reisen ab. Die Teilnehmer kommen aus dem Bürgertum der hektischen Großstädte, Leute, die halbstündlich ihre E-Mails checken müssen, Zeit mit Geld gleichsetzen und aus Sicht von Uwe Neukamm ein spirituelles Leben zu führen nicht in der Lage sind. Das ist die metaphysische Lektion vom Ende der Welt in Vorderhaslach, Fränkische Alb: In der Natur gibt es keine Langeweile. Langeweile ist eine Erfindung der Beschleunigungsgesellschaft, deren Mitglieder fürchten, zu sich selbst kommen zu müssen und Leere zu finden.

Natürlich könnte ich nun sofort von Hamburg nach Hersbruck ziehen, mir am Unteren Markt eine Arbeitsstelle suchen, glücklich in der Langsamkeit blühen, regionale Produkte verzehren und mich allmählich in einen Typ AB wandeln. Was aber, wenn man Pluralismus, Multifunktionalität und Flexibilisierung auch als Segen und Chance begreift? Als neue Freiheit, mit der man eben einfach umzugehen lernen muss? Was also, wenn man nicht gleich aus seinem alten Leben aussteigen will?

Die Ratschläge der Zeit-Coaches dafür heißen: Definiere dein Pensum! Formuliere deine Vision! Wirf Ballast ab! Konzentriere dich aufs Wesentliche! Leg dir den Wochen-Kompass zu!



6. Etappe: Warum das Leben schneller vergeht, je älter man wird


Nachdem ich die Gefilde der Langsamkeit vermessen hatte, verging die Reise schneller. Irgendwie. Ich vermag es nicht genauer zu fassen. Ein Gefühl. Die Zeit schien zu rastlos zu rasen.

Sie tat es aber nicht. Was die Uhr betrifft, ging alles mit rechten Dingen zu. Ich saß im ICE von Basel über Freiburg und Offenburg und sah ein, dass es keine gerechtere Ressource als Zeit gibt. Auch wenn sie fliegt oder kriecht, stillsteht oder schrumpft, sich ausdehnt oder verlängert: Zeit ist immer da. Sie weicht nie von sich ab. Jeder hat täglich 24 Stunden zur Verfügung. Warum vergeht dann das Leben schneller, je länger man reist und je älter man wird? Warum hält man Ereignisse für jünger, als sie wirklich sind?

Weil, so sagen Psychologen, der Mensch einer Sinnestäuschung unterliegt. Die Zeit scheint schneller zu vergehen, tut es faktisch aber nicht. Zeit bleibt Zeit. Was sich ändert, ist die innere Wahrnehmung von Zeit. Der individuelle Zeitsinn hängt ab von so genannten Zeitzeigern. Zeitzeiger sind für jedes individuelle Leben prägende Ereignisketten in einem bestimmten biografischen Intervall. Oft sind dies emotional stark besetzte Initiationserlebnisse wie der erste Schultag, der erste Kuss, die erste Liebe, der erste Kummer, der erste Studientag, der erste Arbeitstag, die Geburt des ersten Kindes. Zeitzeiger markieren Wendepunkte im Leben und werden als bedeutsam codierte Erinnerung über neurophysiologische Muster im Gehirn gespeichert.

Eine Periode wie die Jugendzeit, die viele derartige Erinnerungen in kurzer Folge auslöst, dehnt sich im Rückblick aus und scheint also länger gedauert zu haben als ein genauso langer Zeitraum, der, wie beim Älterwerden, weniger emotional bedeutende Ereignisse enthält. Je abwechslungsreicher das Leben, lautet der Rückschluss, desto zahlreicher sind die Zeitzeiger und desto schneller vergeht die Zeit in ihrer subjektiven Wahrnehmung. Zeitgefühl ist immer abhängig von der inneren Wahrnehmung von Zeit.

Als eilkranker Typ A in der M-Zeit-Kultur lebe ich zwar noch nicht im Herrschaftsbereich des Wahnsinns, verringerte aber, ganz nach Vorschlag von Deutschlands führendem Zeitmanagement-Experten, mein wie üblich zu hohes Pensum, setzte Prioritäten, sagte zwei vereinbarte Termine und eine unpassende Verabredung ab (für die ich früher noch ein Zeitfenster geöffnet hätte), schaltete, nachdem ich den »Verein zur Verzögerung von Zeit« abermals nicht erreicht hatte und künftig nicht mehr erreichen wollte, das Handy aus, nahm mir zwei Stunden für ein ruhiges Mahl, staunte über die Anwesenheit vieler verträumter Menschen und fuhr mit dem pünktlich rasenden ICE 690 nach Frankfurt am Main, wo Margarethe Schmidt Sonntag mir eröffnete, sie fasse Zeit jetzt nicht mehr linear, sondern ganzheitlich auf.



7. Etappe: Ein Forscher, der den Kampf um das »Recht auf eigene Zeit« vorhersagt


Ihr gesamtes Leben war nahtlos verlaufen. Immer auf der Überholspur. Kein Bruch, keine Schnörkel. Im Kraftfeld der Beschleunigung. Höchstvertaktet. Pausen? Wozu. Sie kam auf die Welt, um viel zu erreichen. Sie war Führungskraft der Führungskräfte. Mit 42 organisierte sie die Unternehmenskultur von Hewlett-Packard. Das war in den Achtzigern, als die Globalisierung begann und Manager immer schneller Entscheidungen fällen mussten. Sie beriet Unternehmen, coachte Vorstandsvorsitzende, lehrte an Universitäten Arbeitsethik. Sie brachte Managern nachhaltiges Kommunizieren bei und tat es so gut, dass sie nicht dazu kam, ihr eigenes Leben zu leben.

Dann kam die Langeweile, und dann die Leere, und dann die Schubumkehr. Margarethe Schmidt Sonntag lebte nicht, was sie lehrte, und als der Körper nicht mehr nur der Träger eines schnellen Kopfes war, sondern dauerhaft zu schmerzen begann, stieg sie um. Nicht aus. Sie setzte über auf ein anderes Gleis. Das war 2001, da war sie 54. Sie arbeitete weiter als private »Lebensunternehmerin«, wählte wenige aus vielen Angeboten aus, instruierte internationale CEOs und widmete sich ansonsten Bauchtanz, New Dance und Trommelkursen. Raus aus der Kopfbezogenheit, rein in den Körper.

Schließlich stieß sie auf die musiktherapeutische Pädagogik »TaKeTiNa« und erfuhr etwas Unbekanntes: Rhythmus, ihren Rhythmus, ihren Rhythmus in Harmonie mit dem universellen, sie tanzte, sang und percussionierte sich in den Raum des Zeitlosen hinein, in Räume, von deren Existenz sie nichts wusste, und sie lernte, sich zu spüren, eine Stunde, drei Stunden, drei Tage. Die Gruppe war mal größer, mal kleiner, sie sangen und klatschten und musizierten und lagen auf dem Boden und trommelten. TaKeTiNa ist keine Therapie, keine Ideologie, nur die Lust auf sich und das Bewusstsein vom Tempo der eigenen Natur. Sie lernte, aus der Gleichzeitigkeit zu fallen und die Atemlosigkeit zu besiegen, und sie drang ins Hier und Jetzt vor, und es glückte ihr, ihrem Kopf zu entkommen.

Gelingt es dem Einzelnen, der Fremdverfügung durch Arbeitgeber oder Gesellschaft entkommend, seine Zeit selbst zu bestimmen, gewinnt er Souveränität über die Zeit. Und durch Zeitsouveränität entsteht Zeitwohlstand. Zeitwohlstand steht im Zentrum der »Zeitpolitik«, wie sie der Politik- und Rechtswissenschaftler Ulrich Mückenberger versteht, der die Forschungsstelle »Time Lab« an der Universität Hamburg leitet. Er plädiert für »Zeitguthaben« und ein »Ziehungsrecht«, für ein bestimmtes Quantum Lebenszeit zwischen acht und zwölf Jahren über die Biografie hinweg, das jeder Einzelne für ureigene Zwecke wie Weltreisen, berufliche Weiterbildungen, Elternschaften, Sabbaticals »ziehen« und aufbrauchen kann, wann immer er will, ohne vom Arbeitsmarkt aussortiert werden zu können.

Seit fünf Jahren, so Mückenberger, werde in der wissenschaftlichen Diskussion darüber nachgedacht, inwieweit der Begriff »Zeitwohlstand« die zweite Generation des Sozialstaats begründen könne, der nicht nur materielle Güter, sondern auch Zeitchancen umverteilt. Der Zeitforscher prophezeit einen Kampf um das »Recht auf eigene Zeit«. Die noch junge Disziplin Zeitpolitik klagt das Teilnahmerecht der Bürger an der Zeitgestaltung einer Gesellschaft ein und zielt auf die Entzerrung des stur auf M-Zeit getakteten Arbeitsmarktes. Zeitsouveränität und Zeitwohlstand, Zeitpolitik gegen die mächtigen Ströme der durchgetakteten Gegenwart durchsetzen zu wollen käme zum Mindesten einer kleinen, stillen Revolution gleich.

 

Da der Mensch nach wie vor ein Naturwesen ist, justiert die Sonne seinen biologischen Takt. »Die soziale Zeit spielt für die Biologie keine Rolle«, sagt Till Roenneberg, der als Professor am Zentrum für Chronobiologie der Universität München vor kurzem eine große Studie über den Einfluss von Licht auf das menschliche Zeitgefühl abgeschlossen hat. Der abgehetzte Mensch tut so, als gäbe es die Biologie nicht, sondern nur den Willen, 24 Stunden zu funktionieren, wobei die gesellschaftliche Organisation der Schul- und Arbeitswelt keine Rücksicht darauf nimmt, dass es ein breites Spektrum an Chronotypen und verschiedene Aufstehzeiten gibt. Wenn Naturzeit und Uhrzeit, biologische Innenzeit und soziale Außenzeit immer weniger synchronisierbar sind, erfährt der Einzelne den, wie Roenneberg es nennt, »sozialen Jetlag«. Dessen Folgen sind chronisches Schlafdefizit, geschwächtes Immunsystem und eine gestiegene Anfälligkeit für Krankheiten. Denk- und Lernfähigkeit sind eingeschränkt, der Mensch fühlt sich unausgeglichen, und der Mangel an natürlichem Licht resultiert in Niedergeschlagenheit und Antriebsverlust. In einem noch so stark kunstlichthellen Büro erfährt der Angestellte höchstens 400 Lux. An jedem noch so bewölkten, regnerischen Tag unter freiem Himmel aber bekommt er 10.000. Der Jedermann-Büromensch erhält also bis zu tausendfach zu wenig Licht pro Tag. Zeitmangel ist Lichtmangel, und wer den Chronobiologen fragt, bekommt zu hören, dass der soziale Jetlag unbemerkt zum Begleiter des Lebens wird, das dann nicht mehr notwendigerweise lang sein muss.



8. Etappe: Vom Luxus, mit der Frage aufzustehen, was heute alles nicht geschehen wird


Die ganze Zeit über nistete im Archiv meines Kurzzeitgedächtnisses ein Satz, der im Verlauf der Zeit-Reise ein Eigenleben bekommen hatte und wie der nervös herausspringende Vogel einer Schwarzwälder Kuckucksuhr mit den Stunden vermehrte Aufmerksamkeit beanspruchte. Bei 230 Stundenkilometern im ICE 72 nach Hamburg versank ich in einer Meditation über den Sinn von Schienen und rief mir das Bonmot des Zenmeisters Thich Nhat Hanh ins Gedächtnis. »Statt zu sagen: ›Sitz nicht einfach nur da; tu irgendetwas‹, sollten wir das Gegenteil fordern: ›Tu nicht einfach irgendetwas; sitz nur da.‹«

Nach Art der Menschen in Brunei, die morgens mit der Frage aufstehen, was alles heute nicht geschehen wird, verzichtete ich nach meiner Rückkehr darauf, in der Stadt voll Raum- und Zeitnot einkaufen zu gehen, legte mich auf die Couch und tat nichts anderes, als mich dem herrlich nutzlosen Luxus des Liegens hinzugeben. Dann rief ich meinen Neffen an, um mich mit ihm für den Abend zum Kino zu verabreden.



Links zum Thema


Institut für Zeitwirtschaft und Zeitökologie »


Zeit-AG Timeware of Switzerland »

Seiwert Institut für Time Management und Life Leadership »

Website von Hersbruck, erste deutsche "Cittaslow" »

Institut für Rhythmuspädagogik »

Deutsche Gesellschaft für Zeitpolitik »

©  DIE ZEIT, 28.12.2006 Nr. 01

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