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130 BRAND EINS 08/07
WAS MENSCHEN BEWEGT _CITTASLOW

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Tradition, Heimat, Werte.
Das klingt muffig und reaktionär.
Doch es kann auch ganz modern sein.
Dann heißt es: Cittaslow.
Text: Gerhard Waldherr
Foto: Monika Höfler
WAS MENSCHEN BEWEGT
BRAND EINS 08/07 131

I.
1986 eröffnete McDonald’s in Rom eine Filiale nahe der Spanischen
Treppe. 13 Intellektuelle verabschiedeten daraufhin ein
Manifest, das die Beschleunigung der Moderne geißelte, die industrielle
Produktion von Nahrungsmitteln und die zunehmende
Dekadenz der Esskultur. Die Aktion führte zur Initiative Slow
Food, die heute weltweit 83 000 Mitglieder hat und 810 regionale
Tafelrunden, sogenannte Convivien, unterhält.
1999 greifen vier italienische Städte den Grundgedanken von
Slow Food auf und beschließen, ihn auf Kommunen zu übertragen.
Es handelt sich um Greve im Chianti, Positano an der Amalfiküste,
Orvieto in Umbrien und Bra im Piemont. Paolo Saturnini,
Bürgermeister von Greve, sagt: „Unsere Städte drohen gleichförmig
zu werden, sie verlieren ihre Identität, ihre Seele.“ So entsteht
die rete internazionale delle città del buon vivere – cittàslow. Als
Logo wählt sie eine Schnecke, die auf ihrem Haus eine kleine Stadt
transportiert. Der Schriftsteller Aldous Huxley meinte mal: „Der
Mensch von heute hat nur ein einziges wirklich neues Laster
erfunden: die Geschwindigkeit.“

II.
Mai 2007, ein Freitag, zehn Uhr morgens. Wolfgang Plattmeier
sitzt in seinem Büro im zweiten Stock des Rathauses von Hersbruck.
Plattmeier spricht von Hackschnitzelheizung und Streuobstinitiativen,
vom Skulpturenweg und von Bewusstseinsbildung.
Unten vor den Fenstern ist Wochenmarkt. Fränkisches Fachwerk
aus dem 17. Jahrhundert steht Kulisse für Produkte der Region.
Der Biobauernhof Klischewski hat Käse mit Weißschimmel im
Angebot; Familie Bauer verkauft Weiderindfleisch aus artgerechter
Mutterkuhhaltung; der Imker Hans Spieß bietet Albhonig an.
Zwischen den Ständen und Wagen wird geschwatzt, man schaut
einander in die Einkaufskörbe, diskutiert Gott, die Welt und Kochrezepte.
Das ist wohl, was Plattmeier mit „Haltepunkte für Auge
und Seele“ meint, mit der „Notwendigkeit, die Zeit qualitativ zu
bewerten“, über Geschichte, Heimat und Natur nachzudenken
und „wie das alles zusammenhängt“.

Hersbruck, 12 500 Einwohner, zwei öffentliche Uhren, eine
halbe Stunde im Auto nordöstlich von Nürnberg. Vor sechs Jahren
wurde die Kleinstadt die erste Cittaslow außerhalb Italiens,
wo es inzwischen 56 gibt. Und insgesamt sind es etwa 90. Nach
Hersbruck kamen in Deutschland Waldkirch bei Freiburg, Überlingen
am Bodensee und Schwarzenbruck in Mittelfranken dazu,
zuletzt Lüdinghausen und Wirsberg. Wolfgang Plattmeier, SPD,
Bürgermeister in der vierten Amtsperiode, kann über alle ausführlich
referieren, er ist Vorsitzender der deutschen Sektion bei Cittaslow.
Auch deshalb bekommt er häufig Besuch, etwa von Stadtplanern
aus den USA und Journalisten aus Finnland. Ein deutscher
Sachbuchautor zählte, wie viele Passanten in Hersbruck Armbanduhr
tragen: 50 Prozent. Die erste langsame Stadt Deutschlands –
das zieht. Plattmeier hat nichts gegen die PR, aber wichtiger ist
ihm: „Als Kommunalpolitiker muss ich den Menschen Werte
zurückgeben, die sie in unserer schnellen Welt verloren haben.“

III.
Werte. Ein großes Wort. Schwer zu definieren, was das ist. Den
Italienern ging es anfangs weniger um große Worte als um kleine
Dinge: Verkehrsberuhigung, Fußgängerzonen, Eindämmung von
Lärm und Neonbeleuchtung. Man bemühte sich um die Förderung
lokaler Bauern und Winzer. Große Handels- und Fastfood-
Ketten waren unerwünscht, gemäß dem Credo: Bei McDonald’s
gehe es zwar schnell, doch was an Harmonie, Genuss und sozialem
Austausch dabei verloren ginge, müsse anderswo mit viel
zeitlichem Aufwand wieder kompensiert werden. Die Cittaslows
entwickelten stattdessen Konzepte für gesundes und glückliches
Altern, ressourcenschonenden Fischfang; in manchen öffentlichen
Gebäuden wurden Satellitenschüsseln oder Mobiltelefone verboten.
Alles folgte einem ähnlichen Motiv, doch jeder machte, was
und wie er es wollte. In Chiavenna in den Alpen wurde nach langer
Zeit wieder ein traditioneller Ziegenschinken, Violino, produziert,
der in den Höhlen der Gegend reift. Damit die Seele auch
in den Prosciutto zurückkehrt.
Alles recht und schön, aber die Uhr lässt sich nicht anhalten:
Alles ändert sich. „Aber nicht so rasant“, sagt die stellvertretende
Bürgermeisterin von Bra, Bruna Sibille, „sondern nach und nach.“
Adagio amici, gut Ding will Weile haben. Plattmeier sieht das
genauso, sagt aber: „Man kann Mentalitäten nicht beliebig übertragen.
Der Italiener meint doch etwas ganz anderes als wir, wenn
er ,langsam!‘ sagt.“
Doch darauf kommt es ohnehin nicht an, weil Cittaslow primär
nichts mit Langsamkeit, sondern mit einem guten Alltag zu
tun hat, nicht mit Schneckentempo, sondern mit Nachhaltigkeit.
Es geht um die Stärkung regionaler Wirtschaftskreisläufe, um die
Sicherung lokaler Arbeitsplätze, um den Erhalt und die Förderung
von Lebensqualität. Um das Zusammenspiel von Ökonomie,
Ökologie und sozialer Verantwortung, zu dem auch die Rückbesinnung
auf Altbewährtes gehört. Aber nicht nur. Der Katalog,
der die Richtlinien für Cittaslow vorgibt, umfasst inzwischen 37
Kriterien, die freizügig interpretierbar sind, von der Stadtsanierung
bis zur Denkmalpflege, von biologischer Landwirtschaft bis zum
Ausbau regenerativer Energien.

IV.
Grau ist alle Theorie, aber auch in der Praxis ist das alles eher
unscheinbar bis unsichtbar. Die Hersbrucker Hackschnitzelheizung
ist eine Wellblechbox mit einem Haufen geschreddertem
Holz dahinter: Man sieht ihr weder an, dass sie mit Material aus
den umliegenden Wäldern befeuert wird (und nicht wie anderswo
aus Brasilien, was billiger wäre), noch dass sie von örtlichen
Waldbauern in Kooperative betrieben wird. Den Apfelbäumen am
Ortsrand sieht der Laie ebenfalls nicht an, dass an ihnen keine
Elstar oder Granny Smith reifen, sondern heimische Sorten wie
Korbinian und Roter Stettiner, aus denen die Streuobstinitiative
biologischen Saft presst. Und so idyllisch der Wochenmarkt sein
mag – besonders machen ihn die Händler, die Direktvermarkter
und Mitglieder von „Heimat auf’m Teller“ sind, einem Verbund,
der sich um den Erhalt traditioneller Gerichte bemüht und nebenher
Kinder und Jugendliche per Naturerlebnisveranstaltungen über
Feld, Flur und Gemüsegarten unterrichtet.
Man muss, wie Plattmeier sagt, sich mit Geschichte, Heimat
und Natur beschäftigen. Dann erfährt man, dass die Hersbrucker
Alb eine kleinteilige, noch in weiten Teilen historische Kulturlandschaft
mit 1000 Pflanzenarten ist, deren Hut-, Sau-, Eichenanger
und Allmenden, öffentliche landwirtschaftliche Nutzflächen,
bis auf das 15. Jahrhundert zurückgehen. Wer das weiß, kann
schätzen, dass die Stadt sie erhalten und bewirtschaften will und
dazu einen städtischen Kuhhirten beschäftigt. Es gibt hier auch
Deutschlands einziges Hirtenmuseum. Lauter kleine Dinge, die
erst in der Summe den Unterschied ausmachen, den man spürt.
Womit wir beim Skulpturenweg wären, der am Thermalbad beginnt,
mit dem Denkmal eines Italieners, der 1944 Häftling des
Lagers Hersbruck war, einer Außenstelle des KZ Flossenbürg.
Plattmeier: „Wer sich auf die Geschichte beruft, muss auch ihre
düsteren Seiten akzeptieren.“

V.
Ein paar Tage später, Mittagszeit. Von draußen Orgelmusik, drinnen
expressionistische Malerei, davor Richard Leibinger, der
Bürgermeister von Waldkirch. Die Fragen, um die es gerade geht,
lauten: Was kostet nachhaltige Kommunalpolitik? Und was bringt
sie? Leibinger: „Erstens kostet sie nichts, man macht doch nicht
zwanghaft mehr, sondern vieles nur anders, das Geld wird einfach
umgeleitet. Zweitens hat uns allein der Prozess der Implementierung
viel gebracht, die Diskussion: Wo stehen wir, was
können wir bieten, wie sind wir organisiert, was können wir verbessern?“
Cittaslow-Städte müssen zunächst die Hälfte der 69
Kriterien erfüllen. Außerdem müssen sie eine nennenswerte Geschichte
aufweisen, dürfen nicht mehr als 50 000 Einwohner haben
und dürfen keine Provinz- oder Bezirkshauptstädte sein. Alle
drei Jahre wird überprüft, ob sie die Marke weiter tragen dürfen.
Das sei auch gut so, findet Leibinger: „Man wird als Kommune
gerne betriebsblind.“
Man müsste sich um Waldkirch auch sonst keine Sorgen
machen. Die Grundkoordinaten: 20 500 Einwohner, malerisch
gelegen im Elztal zwischen dem Kandel (1243 Meter) und der mittelalterlichen
Kastelburg; reich an Geschichte als ehemaliges Zentrum
der Edelsteinschleiferei und mehr noch des Flöten-, Karussell-
und Jahrmarktorgelbaus, der die Stadt im 19. Jahrhundert
europaweit bekannt machte. Die Orgelmusik am Mittag und der
sogenannte Orgelteller der Waldkircher Köche jedes Frühjahr
sollen an die reiche Historie erinnern. Natur, Geschichte, die südbadische
Küche: alles da. Außerdem gibt es reichlich Arbeitsplätze
bei der Sick AG (Lasersysteme, weltweit führend im Bereich
optische Sensoren) und der August Faller KG (Deutschlands
zweitgrößter Hersteller von Pharmaverpackungen).
Gute Voraussetzungen für eine lebenswerte Kommune sind
eine Sache, was man daraus macht, eine andere. Richard Leibinger,
SPD, vierte Amtsperiode, sagt: „Wir waren schon immer
eine Stadt, die sehr bewusst auf kontrolliertes Wachstum gebaut
hat.“ Zwei Drittel der Gemarkung sind Wald. Da bleibt wenig
Spielraum. Weshalb die Stadt traditionell alte Bausubstanz erhält
und lieber einen Fußballplatz oder eine Straße verkauft statt ein
neues Gewerbegebiet zu erschließen.
Letztlich geht es auch hier um kleine Dinge, die sich addieren.
Waldkirch betreibt wie Hersbruck die Energieversorgung
selbst, um autark zu bleiben. Die Stadtwerke haben 150 Fotovoltaikanlagen
installiert. Hersbruck hat ein Gitarrenfestival, Waldkirch
ein Künstlerhaus mit Werken lokaler Maler und Dichter. Es
gibt einen Zoo mit Uhus und Zwergziegen, in dem die Kasse nicht
besetzt ist, Eintritt zahlt man beim Pfleger – falls man ihn trifft.
„Überall sprechen wir vom Individuum“, sagt Leibinger, „was
aber ist das Individuum in einer uniformierten Umwelt mit stereotypen
Strukturen und Produkten? Wichtig ist doch: Wo komme
ich her, was sind meine Wurzeln? Wenn ich das weiß, dann
lerne ich meine Stadt, meine Heimat schätzen, dann ist der
Mensch im Einklang.“

Die »Badische Zeitung« hat in einer Umfrage herausgefunden,
dass 97 Prozent aller Waldkircher gern in Waldkirch leben. Sie
verbinden mit ihrer Stadt Begriffe wie „schön“, „liebenswert“,
„gemütlich“, „gepflegt“ oder „idyllisch“. Deshalb hatte der Bürgermeister
keine Probleme, die Waldkircher für seine Initiative
„Leitbild 2020“ zu gewinnen. Alle Einwohner sind aufgefordert,
in acht Arbeitskreisen die Zukunft der Stadt mitzugestalten. Dazu
sagt Herbert Jochum, geschäftsführender Gesellschafter der August
Faller KG: „Wenn einfache Bürger Herausragendes tun, müssen
auch wir uns einbringen.“ Jochum engagiert sich ehrenamtlich.
Die August Faller KG finanziert mit der Sick AG Kindergärten und
Schulen, sie fühlt sich zu freiwilligen Sozialleistungen ebenso verpflichtet
wie zu umweltschonender Firmenpolitik.

Dass sich Stadt und Wirtschaft harmonisch ergänzen, erzählt
auch Markus Vatter, Vorstandsmitglied der Sick AG. Auf die
Frage, warum ein Unternehmen mit 650 Millionen Euro Umsatz
seine Zentrale mit 1700 Mitarbeitern in einer Kleinstadt hat,
antwortet Vatter: „Warum nicht?“ Was er an den Elztalern schätze,
sei ihre Toleranz und Weltoffenheit, ohne dass sie Traditionen
aufgeben. So nutzt die Sick AG weiter das Tüftlertum der Region,
um überwiegend international Geschäfte zu machen. Früher
waren es Orgeln, heute sind es Lichtschranken. Das Prinzip ist
das gleiche: global denken, lokal handeln. Dazu passt, was Evelyn
Flögel, Leiterin des Elztalmuseums, sagt: „Cittaslow ist für
mich eine gute Art, auf eigene Stärken zu schauen. Mit den eigenen
Stärken kann man besser leben als mit importierten.“

VI.
Links die sanft ansteigenden Hügel des Linzgaus, rechts der
Bodensee, in der Ferne die Alpen mit dem majestätischen, schneebedeckten
Säntis. So kommt man über eine Anhöhe bei Aufkirch
nach Überlingen, in dessen Mitte das Münster steht. Monumentale
Gotik bis zur Kirchturmspitze. Dokument des Selbstbewusstseins
und Reichtums der Freien Reichsstadt im 15. und 16. Jahrhundert,
die damals der größte Umschlagplatz für Getreide in
Süddeutschland war. Selbstbewusst und reich ist Überlingen auch
heute noch: mehr als eine halbe Million Übernachtungen jährlich,
die Immobilienpreise hoch. Neben Martin Walser wohnt viel Prominenz
aus der baden-württembergischen Wirtschaft in Überlingen,
die als erste Stadt Deutschlands eine Zweitwohnungssteuer
einführte. McKinseys Studie „Perspektive Deutschland“ ergab
2006: Die glücklichsten Menschen hierzulande leben im Landkreis
Bodensee-Oberschwaben, zu dem auch Überlingen zählt.
„Man hat hier immer das Ascona-Feeling“, sagt Ulrich Helmut
Lutz und schaut aus dem Fenster einer Jugendstilvilla.
Gleißendes Licht über dem See, das Wasser ein silberner Spiegel.
Ulrich Helmut Lutz, SPD, hauptamtlicher Bürgermeister, kam
vor einigen Jahren aus Freiburg, wo er in der Zeitung über Waldkirch
gelesen hatte. Die Überschrift: „Die Entdeckung der Langsamkeit.“
Er fand, das passe zu Überlingen. Zuerst spöttelten die
Bürger über eine „Schlof-City“ (Schlafstadt), dann fragten sie, was
man verbessern solle bei drei Strandbädern, der längsten Uferpromenade
des Bodensees, einem berühmten Kakteengarten, dem
ersten Renaissance-Gebäude nach Florentiner Vorbild nördlich
der Alpen und Geschichte ohne Ende samt der schwäbisch-alemannischen
Fasnacht. Lutz: „Dass heutzutage überall von Nachhaltigkeit
gesprochen wird, heißt nicht, dass jeder das Prinzip verstanden
hat.“

Dabei ist in Überlingen ein Institut zu Hause, das das Prinzip
bereits verfolgte, als man den Begriff noch gar nicht kannte. In
der Buchinger Klinik wird seit 1954 Fasten nach Otto Buchinger
betrieben, immer noch mit dem atemberaubenden Blick auf den
See, immer noch nach strengen Regeln und häufig mit Nulldiät.
Ob man dieses Modell verbessern kann, sei nicht die Frage, sagt
Raimund Wilhelmi, Enkel des Klinikgründers. „Diese Gegend
allein hatte schon immer etwas Heilsames.“ Vielmehr gehe es
darum, sich anzupassen.
Die Kunden der Buchinger Klinik sind nicht mehr überwiegend
deutsche Industriekapitäne, das Personal spricht inzwischen
auch Arabisch und Russisch. Außerdem ginge es nicht mehr
allein um Gewichtsreduzierung, sondern zunehmend um die
Folgen einer überhitzten, überdrehten, hastigen Welt, sagt Wilhelmi.
Stress, Suchtverhalten, Depression. Während bei Wilhelmi
mittlerweile nur Gemüse aus kontrolliertem Anbau auf den Tisch
kommt, Ayurveda, Homöopathie, Akupunktur, Osteopathie,
Shiatsu und Mikrokinese praktiziert werden, hat Überlingen durch
Cittaslow quasi seinen eigenen Kuraufenthalt durchlaufen. Die
Uferpromenade wurde verlängert, ein Gartenkulturpfad mit 21
Stationen angelegt, ein Thermalbad gebaut. Am Samstag gibt es
Markt mit klassischer Musik, jährlich werden Kulturveranstaltungen
mit 600 000 Euro gesponsert. Eine Art Kur für die moderne
Stadt.

VII.
Noch einmal zurück nach Hersbruck. Freitagnachmittag. Es ist
ein großes Wochenende, nicht nur weil eine Delegation der Cittaslow-
Partnerstadt San Daniele angereist und eine Abordnung aus
Hilterfingen-Hünibach in der Schweiz zu Besuch ist. Heute beginnt
die Handwerker- und Gewerbeschau auf dem Festgelände.
Alle zwei Jahre findet sie statt, diesmal mit 45 Ausstellern, darunter
der Scherenschleifer Robert Rührschneck und der Friseursalon
Bruckner („Haarkompetenz in der 4. Generation“). Die Eröffnungsrede
hält der Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly, SPD,
ein Anhänger von Slow Food und Cittaslow, der sagt, er würde
sich der Bewegung sofort anschließen, wäre sie praktikabel für
Großstädte. Er vergisst auch nicht, die nahe Hersbruck ansässige
Firma Die Möbelmacher zu loben, der er 2003 den Nachhaltigkeitspreis
der Stadt Nürnberg verliehen hat.
In der Ausstellungshalle nebenan steht ein Mann zwischen
Mobiliar mit elektrischen Schubladen und dem ersten Holz-Ski
mit geöltem Edelfurnier aus Franken. Herwig Danzer, ein Kraftpaket
mit Vollbart und hölzerner Fliege am Kragen, hat die Firma
Die Möbelmacher vor 19 Jahren mit seinem Freund Gunther
Münzenberg gegründet. Damals hielten alle sie für plemplem,
als sie rotkernige Buche kauften, auf der die Waldbauern sitzen
geblieben waren. Mittlerweile sind ihre Massivholzküchen ein
Verkaufsschlager, für den der Kunde allerdings Geduld aufbringen
muss: Verarbeitet werden nur Kiefern und Lärchen von der
örtlichen Forstbetriebsgemeinschaft, allein das Sägen dauert drei
Wochen. Das Ölen, Trocknen und erneute Ölen der Bretter mit
Naturharz dauert viermal länger als die branchenübliche Behandlung.
Die Lagerung braucht eine kleine Ewigkeit. Danzer: „Unsere
Kunden schätzen den Aufwand, zahlen gern mehr und fahren
dafür keine teuren Autos.“
Wer über Cittaslow reden will, ist bei Danzer an der richtigen
Adresse, denn ohne Danzer und seinen Freund Rainer Wölfel gäbe
es Cittaslow in Hersbruck nicht. Von ihnen kam die Anfrage an
Plattmeier, der sich erinnert: „Anfangs sagte ich: Herwig, was soll
der Quatsch? Wir sind eine aufstrebende, dynamische, moderne
Stadt.“ Wölfel hatte mit dem Naturschutzzentrum Wengleinpark
die Grundlagen für eine erfolgreiche Bewerbung gelegt. Der Agraringenieur
kam für den Bund Naturschutz nach Hersbruck und
begann 1996, Naturschutz-, Land- und Waldwirtschaft miteinander
zu vernetzen, gemeinsame Strategien und Vermarktungskonzepte
zu entwickeln. Er propagierte Arten- und Biotopschutz,
veranstaltete 220 natur- und heimatkundliche Exkursionen, 50 Seminare
und Fachtagungen und erfand zusammen mit Danzer den
„Tag der Regionen“. Erst war nur ein regionaler Kochkurs in den
Werkstätten der Möbelmacher geplant, plötzlich hatten sie eine
„kleine Grüne Woche“ (Wölfel). Inzwischen gibt es deutschlandweit
900 bis 1000 vergleichbare Aktionen.
Danzer und Wölfel könnten sich eigentlich zufrieden zurücklehnen
und die Entschleunigung genießen. Doch Danzer kann
sowieso nicht still sitzen, und Wölfel („Ich kann überall hingehen,
aber ich bin gerne zu Hause“) glaubt, der Kampf um die Stärkung
der regionalen Identität sei noch lange nicht zu Ende. „Es ist nicht
einfach, sich in der modernen Welt hinzustellen und zu sagen: Das
ist meine Herkunft, meine Tradition, meine Umwelt, wenn einem
ständig gesagt wird, es geht auch schneller und billiger.“ Danzer
sagt: „Eine Idee wie Cittaslow darf nicht als Label vermarktet
werden. Es muss ständig mit Inhalt gefüllt werden.“ Demnächst
wird es eine Lesung des Journalisten Christian Schüle („Deutschlandvermessung“)
unter dem Motto „Zeit zu leben“ in Hersbruck
geben. Wenn es darum geht, dass das möglichst viele Menschen
begreifen, kann es, so Danzer, nicht schnell genug gehen. --

Rainer Wölfel in der brandeins 8/07 fotografiert von Monika Höfler


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